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Prof. Freissmuth: Aut idem kann man nicht empfehlen

Aut idem sei weder für Patienten, noch für Ärzte, noch für pharmazeutische Unternehmen, noch für das solidarische Gesundheitssystem eine gute Lösung. Man sollte diese nicht empfehlen, sagt Prof. Michael Freissmuth, der Leiter des Zentrums für Physiologie und Pharmakologie der MedUni Wien, bei einem Pressegespräch der ÖÄK. Hier sein Statement.

 

Um es vorweg zu nehmen: Eine Aut idem-Regelung würde der öffentlichen Hand keine nennenswerten Einsparungspotenziale bringen, bei vielen Patientinnen und Patienten Verunsicherung erzeugen, das Risiko von Einnahmefehlern erhöhen, und völlig einseitig den Arzneimittelgroßhandel mit seinen Apotheken bevorzugen. Patientinnen und Patienten und ihrer Versorgung mit Medikamenten brächte eine Aut idem-Regelung keinerlei Vorteile.

Die Aut idem Regelung – wörtlich: „oder das Gleiche“ -, die in Österreich im Wesentlichen diskutiert wird, bestünde darin, dass der Apotheker das Recht hat, dem Patienten nicht notwendiger Weise das vom Arzt verordnete rezeptpflichtige Präparat zu verkauften, sondern nach eigenem Ermessen ein gleichwertiges und preiswerteres. Das soll angeblich dazu beitragen, Kosten im Gesundheitswesen maßgeblich einzusparen.

Lassen Sie mich bitte darauf im Detail eingehen.

Dass es Generika gibt, ist grundsätzlich etwas sehr Sinnvolles. Es gibt in den modernen Gesundheitssystemen einen Konsens, dass Unternehmen, die das kostspielige Risiko der Entwicklung neuer Arzneimittel in Kauf nehmen, durch den Patentschutz einige Jahre Marktexklusivität haben und Umsätze generieren können. Nach etwa acht Jahren müssen sie ihre Daten offenlegen, damit wirkstoffgleiche Generika entwickelt werden können. Diese sollen etwa zehn Jahre nach der Markteinführung des Originalpräparats auf den Markt kommen, und bewirken dann eine stufenweise Preisreduktion auch des Originalpräparats, in vielen Fällen bis hin zum Preis der Rezeptgebühr. Durch diese Preisspirale nach unten können öffentliche Arzneimittelausgaben reduziert werden, und in der solidarischen Gesundheitsversorgung wird Geld frei für neue, innovative, oft sehr kostspielige Medikamente. Gleichzeitig werden die forschenden pharmazeutischen Unternehmen, die an solchen Originalpräparaten immer weniger verdienen, dazu motiviert, in die Forschung und Entwicklung von Innovationen zu investieren.

An dieser Stelle ist auch zu betonen, dass Generika gesundheitlich unbedenklich sind und zwischen ihnen und Originalpräparaten bezüglich Qualität und Wirksamkeit kein Unterschied besteht.

Wenn immer wieder behauptet wird, eine Aut idem Regelung würde gleichsam automatisch die Arzneimittelausgaben senken, so trifft dies schlicht nicht zu.

Für eine konsequente Preissenkung müsste man das österreichische Erstattungssystem von Grund auf ändern und nach einer gänzlich neuen Logik organisieren. Es müsste von öffentlichen Stellen betriebene, regelmäßige Bieterverfahren für einzelne Medikamente geben, und das preisgünstigste Medikament würde dann jeweils das Rennen machen: Es wäre als einziges seiner Gruppe auf Kassenrezept zu den definierten Rezeptgebühren in den Apotheken erhältlich. Also ohne Bieterverfahren keine Einsparung. So eine Regelung ist sicherlich machbar, kann aber zu Konsequenzen führen, die oft unvorhersehbar sind. Ein Beispiel ist die problematische Abhängigkeit von einem einzigen Produzenten.

Von einer Aut idem Regelung, die darin besteht, dass der Apotheker Patienten nicht das vom Arzt verordnete rezeptpflichtige Medikament verkauft, sondern ein gleichwertiges verkaufen kann, profitieren im Wesentlichen der pharmazeutische Großhandel und seine Apotheken. In der Praxis wird hier von Nebenabsprachen auszugehen sein, die eine Bevorzugung bestimmter Produkte zum Inhalt haben. Womit auch die Hersteller von Medikamenten bezüglich der Höhe der Einkaufspreise unter Druck gesetzt werden können. Großhandel und Apotheken müssten dann nur noch sehr wenige Medikamente vorhalten, die Lagerkosten sinken, und gleichzeitig könnten auch jene Apotheken, die nicht dem Großhandel zu zählen, unter Druck gesetzt werden. Das staatliche Arzneimittelbudget würde von so einer Regelung, die sehr einseitig den Großhandel mit seinen Apotheken bevorzugt, nicht profitieren.

Eine sehr unerwünschte Nebenwirkung von Aut idem ist das gesteigerte Risiko von Einnahmefehlern und die Verunsicherung insbesondere älterer oder kognitiv bereits eingeschränkter Patientinnen und Patienten. Menschen, die mehrere Medikamente einnehmen – und das kommt bei älteren Personen besonders häufig vor – hilft die Farbe und Form der einzelnen Arzneien bei der Orientierung und unterstützt sie dabei, Einnahmeirrtümer zu vermeiden. Werden Medikamente immer wieder durch andere ersetzt, die eine andere Form und/oder Farbe aufweisen, so bedeutet das ein zusätzliches Risiko. Natürlich kann man in vielen Fällen durch intensive Aufklärung und Information Einnahmefehlern entgegenwirken, doch ist das ein beträchtlicher zeitlicher Aufwand und Zeit ist bekanntlich in der Medizin eine knappe Ressource. Dieser Zeitaufwand müsste jedenfalls auch finanziell abgegolten werden, was dem Ziel der Einsparung abträglich ist.

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