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Ärztemangel und Versorgung Berufspolitisches Corona-Update

Neue Studie: Wirksame Anti-Corona-Aktivitäten des Wiener Ärztefunkdienstes

Eine neue Sstudie der Professoren Peter Klimek und Stefan Thurner vom „Complexity Science Hub Vienna CSH“ zur Arbeit des Wiener Ärztefunkdienstes in der Corona-Bekämpfung stellt diesem ein ausgezeichnetes Zeugnis aus: „Die Tätigkeit des ÄFD lieferte einen signifikanten Beitrag dazu, Infektionsfälle frühzeitig zu isolieren. Dadurch trat eine multiplikative Präventivwirkung ein.“ Ärztekammer Vizepräsident Dr. Johannes Steinhart stellt hier die wichtigsten Studienergebnisse vor. Sein Dank gilt allen ÄFD-ÄrztInnen, die diese Erfolge möglich gemacht haben.

Im Verlauf der Covid-19-Epidemie war der Ärztefunkdienst (ÄFD) in Wien im Einsatz, um Verdachtsfälle direkt an den Wohnorten aufzusuchen und zu testen. Dadurch konnten weitere Ansteckungen durch einen Arzt- oder Spitalbesuch verhindert werden. Eine Kernaussage der Studie des „Complexity Science Hub Vienna CSH – Verein zur Förderung wissenschaftlicher Forschung im Bereich komplexe Systeme“ über die Reduzierung von COVID-19-Infektionen in Wien durch die frühzeitige Isolation von Verdachtsfällen im Zuge der Fahrten des ÄFD: „Die Tätigkeit des Ärztefunkdienstes lieferte einen signifikanten Beitrag dazu, Infektionsfälle frühzeitig zu isolieren. Dadurch trat eine multiplikative Präventivwirkung ein. Mit jeder Stunde, um die diese Isolierung frühzeitiger erfolgte, wurden mögliche neue Infektionsketten und damit Generationen von Ansteckungen verhindert.“

Ziel dieser Studie war es abzuschätzen, wie wirksam diese Tätigkeit des Ärztefunkdienstes beim Abflachen der Epidemiekurve in Wien tatsächlich war.

Ohne ÄFD-Fahrten Epidemieverlauf fast 3mal so heftig

Die Simulationsstudie kommt zu dem Schluss, dass ohne die Fahrten des ÄFD der Epidemieverlauf in Wien fast dreimal so heftig hätte ausfallen können. Ende April hätte es dann statt der 2.400 Fälle in Wien zwischen 3.900 und 6.700 Fälle gegeben.

300 bis 530 PatientInnen wären am Höhepunkt der Epidemie im Spital gelegen (tatsächlich: 200) und bis zu 100 Personen auf Intensivstationen (tatsächlich: 40). Anstatt von 106 Todesopfern wären zwischen 180 und 310 Sterbefälle zu erwarten gewesen.

Prinzipiell, schreiben die Studienautoren, könne man zwei Arten von nicht-pharmazeutischen Interventionen unterscheiden. Solche, die auf eine frühzeitige Identifizierung und Isolation von Infizierten abzielen (z. B. Contact Tracing). Und solche, die eine gesamtgesellschaftliche Reduzierung der Kontaktwahrscheinlichkeiten anstreben (z. B. Lockdown). Letztere seien aufgrund der gravierenden Einschnitte in sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens mit erheblichen wirtschaftlichen, psychosozialen und gesundheitlichen Risiken verbunden.

Die Tätigkeiten des ÄFD trugen zu einer frühzeitigen Isolation von Fällen bei. Konkret sei davon auszugehen, dass durch diese Tätigkeit die effektive Dauer der Infektiosität (die Zeitspanne vom Beginn der Infektiosität bis zur Isolation der infizierten Person) verringert werden konnte. Diese Zeitspanne beträgt typischerweise wenige Tage. Hier gehen die Studienautoren davon aus, dass dieser Zeitraum „um die Dauer eines Arzt- oder Spitalbesuchs verringert werden konnte“.

„Schneeballeffekt bei der Prävention“

Diese Reduktion der Infektiositätsdauer erzeuge, schreiben die Studienautoren, „einen Schneeballeffekt bei der Prävention“. Jede Ansteckung, die am Weg zu Arzt oder Ärztin stattgefunden hätte, hätte eine neue Infektionskette lostreten können. Da über viele Wochen hinweg in Wien eine infizierte Person im Schnitt mehr als eine andere Person neu ansteckte, „multiplizieren sich die verhinderten Fälle entlang der Infektionskette auf ein Vielfaches“.
Die Studie zeigt, dass Maßnahmen, welche die effektive Infektiositätsdauer auch nur um wenige Stunden für einen großen Teil der Erkrankten reduzieren, eine deutliche Wirkung entfalten – und dies ohne weitreichende Kollateralschäden in anderen Lebensbereichen zu verursachen. Wie die vorliegende Studie zeigt, lieferten die Fahrten des Ärztefunkdienstes einen signifikanten Beitrag zu einer solchen frühzeitigen Identifizierung und Isolation und konnten so dazu beitragen, einen schlimmeren Epidemieverlauf in Wien zu verhindern.

Best-Case und Worst-Case -Szenarien
Im Zeitraum vom 8. März bis 27. April 2020 wurden in Wien vom Ärztefunkdienst 1.436 positive Fälle gefunden, das entspricht ca. 60 Prozent aller Fälle in Wien. In ihrem Best-Case-Szenario gehen die Studienautoren davon aus, dass ohne die Fahrten in Wien 3.900 Fälle von Covid-19 statt der tatsächlichen 2.400 Fälle aufgetreten wären. Damit wären am Höhepunkt der Infektionswelle bis zu 300 PatientInnen im Spital gelegen, 60 davon auf der Intensivstation. Tatsächlich waren es ca. 200 Personen, 45 davon auf der Intensivstation. Außerdem wäre mit etwa 180 Todesopfern statt der beobachteten 106 Sterbefälle zu rechnen gewesen.
Im Worst Case hätte es den Berechnungen zufolge in Wien bis zu 6.700 Covid-19-Fälle gegeben. Dann wären am Höhepunkt der Infektionswelle 530 PatientInnen gleichzeitig im Spital gewesen, mehr als 100 davon auf der Intensivstation. Bis zu 310 Todesopfer wären möglich gewesen.

Fakten endlich zur Kenntnis nehmen

Die Fahrten des Ärztefunkdienstes haben also eine jetzt auch wissenschaftlich nachgewiesene und quantifizierbare erhebliche präventive Wirkung entfaltet. Die negativen Folgen der Pandemie wurden durch den Einsatz der ÄrztInnen des Ärztefunkdienstes auf rund ein Drittel der zu erwartenden Auswirkungen reduziert. Anstatt immer neue Einsparpläne zu wälzen, sollte man solche Fakten endlich zur Kenntnis nehmen.

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