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Ärztemangel und Versorgung Berufspolitisches Corona-Update

Gedanken eines Praktikers in Zeiten von Corona von Dr. Tobias Linser (Tirol)

 

Gerade jetzt hat sich die hohe Bedeutung einer gut funktionierenden extramuralen Patientenversorgung durch niedergelassene AllgemeinmedizinerInnen gezeigt. Fazit: Deren Arbeitssituation muss verbessern und die Leistungen im niedergelassenen Bereich müssen adäquat adaptiert werden, um auch in Zukunft eine zeitgemäße, hochwertige und wohnortnahe Patientenversorgung zu gewährleisten, sagt Dr. Tobias Linser, Allgemeinmediziner und Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin in Mieming (Tirol).

Wer übernimmt wirklich Verantwortung für den Patienten in all seinen Sorgen, ist für diesen auch nachts und am Wochenende erreichbar? Wer betreut die chronisch Kranken kontinuierlich über Jahre, führt bei Bedarf auch Hausbesuche durch? Wer ist erreichbar bei akuten Beschwerden, übernimmt die Verantwortung über das weitere Vorgehen bei akuter Erkrankung und verhindert gegebenenfalls eine unnötige Inanspruchnahme einer teuren Untersuchung im Krankenhaus? Wer begleitet chronisch kranke Patienten, deren Leiden trotz mehrfachen fachärztlichen Untersuchungen und Behandlungsvorschlägen persistieren? Wer übernimmt die Behandlung, wenn der zuständige Facharzt nicht verfügbar, ausgebucht oder schlicht und einfach ratlos ist? Wer behält den Überblick über die unterschiedlichsten Therapieverordnungen der Fachärzte? Wer passt die Verordnungen der Fachärzte und der Krankenanstalten an, adaptiert die medikamentösen Verordnungspläne, prüft Unverträglichkeiten, kommuniziert mit den Chefärzten und Apotheken und verordnet alternative Präparate, wenn verordnete Präparate nicht verfügbar oder von der Krankenkasse nicht erstattet werden? Wer kennt den Patienten in seinen Bedürfnissen und Ängsten am besten, nimmt sich die Zeit ihm komplizierte medizinische Sachverhalte samt den sich daraus ergebenden Konsequenzen zu erklären? Wer sorgt dafür, dass die notwendige medizinische Behandlung vom Patienten auch durchgeführt wird (Medikamentencompliance)? Wer verhindert durch aufklärende Gespräche gegebenfalls unnötige teure Untersuchungen bzw. Interventionen? Wer koordiniert primär die Betreuung des Patienten durch andere Gesundheitsberufe? Wer ermöglicht eine palliativmedizinische Betreuung und ein menschenwürdiges Sterben zuhause?

Verantwortung in der Coronakrise

Wer hat von der ersten Stunde an die Verantwortung für die extramurale medizinische Grundversorgung im Rahmen der Coronakrise übernommen – meist ohne ausreichend vorhandene Schutzausrüstung, sich selbst einem hohen Risiko aussetzend und dies ohne adäquate, zeitnahe Information durch die Behörden?

Man würde annehmen es handelt sich um einen hochkompetenten Facharzt, einen der bestausgebildetsten Ärzte, der für seine Tätigkeit und seinen persönlichen Einsatz neben der Wertschätzung durch den Patienten auch eine entsprechende Honorierung erhält, im Sinne der Anerkennung der Qualität seiner Arbeit. Man würde annehmen, die Honorarordnung wäre nicht zu kompliziert gestrickt, leicht nachvollziehbar, sowie transparent und müsste im Sinne des gegenseitigen Vertrauens nicht aufwendig dokumentiert werden. Auch würde man annehmen, dass dieser Arzt im Rahmen seiner umfangreichen Kompetenzen für jeglichen Aspekt seiner Tätigkeit ausgebildet und im weiteren Sinne auch bezahlt würde. Man würde annehmen, zumindest dieser Arzt kommt finanziell unbeschadet durch die Coronakrise. Schließlich hält er ja seit Beginn der Krise, wie gewohnt mit seinem hohen persönlichen Einsatz, die medizinische Grundversorgung aufrecht.

Bestehendes Honorarsystem in Corona-Zeiten untauglich

Doch es zeichnet sich nun ab, dass mit dem bestehenden Honorarsystem in diesen Zeiten gerade einmal die Fixkosten der Ordination abgedeckt werden können. Zusätzlich zur fachlichen Kompetenz, der Motivation, menschliches Leid zu lindern, der Fähigkeit, auf Patienten einzugehen und deren Sorgen wahrzunehmen, ist derzeit neben einer ausgeprägten Improvisationsfähigkeit auch eine hohe Frustrationstoleranz gefragt.

Es wird nun in aller Deutlichkeit sichtbar, dass die Qualität der erbrachten Leistungen, vor allem die Kernkompetenz dieses Arztes, nämlich das ärztliche Gespräch und die allumfassende ganzheitliche medizinische Betreuung, trauriger Weise nicht ausreichend honoriert wird. Als Allgemeinmediziner würde man sich wünschen, endlich mit einem Facharzt gleichgestellt zu werden betreffend Ausbildung und Honorierung.

Honorarordnung an die Realität anpassen

Die Honorarordnung müsste modifiziert, modernisiert, vereinfacht und an die Realität angepasst werden. Vor allem sollte die zeitaufwendige und komplexe Versorgung von polymorbiden Patienten endlich ausreichend honoriert werden. Man kann nicht eine qualitativ hochwertige Versorgung fordern, aber nur leicht quantifizierbare Leistungen ausreichend honorieren.

Fraglich bleibt weiterhin, ob es im Sinne der Patientenversorgung ist, dem Allgemeinmediziner nach und nach immer mehr Kompetenzen in der praxisinternen laborchemischen Diagnostik zu entziehen. Auch erscheint es unter anderem weltfremd, um nur ein Beispiel zu nennen, Schnelltests laborchemischer Akutparameter (Trop T, Ddimer) kaum oder gar nicht zu honorieren. Der Verdienstentgang durch den Entzug der Hausapotheke ist bisher durch keine der erbrachten Honoraranpassungen auch nur ansatzweise ersetzt worden. Abgesehen davon kommen Patienten am Land durch die Bildung von Ortschafts-übergreifenden Diensträdern von Seiten der Apotheken an Wochenenden nur erschwert zu ihrer Medikation.

Es wäre zeitgemäß, wenn Allgemeinmediziner in ihrem breiten Betätigungsfeld, bei entsprechend zertifizierter Ausbildung in der Ultraschalldiagnostik und Integration derselben in die Ausbildung, neben der Abdomensonographie noch weitere Bereiche abrechnen könnten. (Schilddrüse, Gefäßsonographie, orientierende Echokardiographie, Notfallsonographie, Lungensonographie, Gelenksonographie Schulter und Knie, etc.). Dies würde die Qualität der klinischen Untersuchung und die wohnortnahe Versorgung der Patienten deutlich verbessern. Somit könnten die Krankenhausambulanzen an den Wochenenden und an Randzeiten (wenn Radiologen geschlossen haben) entlastet werden. Auch würden mühsame Transportwege für immobile Patienten wegfallen.

Patienten in ihrer gesamten Komplexität zufriedenstellend behandeln

Neben einer effizienten und nach ökonomischen Zielen ausgerichteten zentralen Steuerung des Gesundheitswesens wird es auch in Zukunft weiterhin essentiell sein, Patienten in ihrer gesamten Komplexität zufriedenstellend behandeln zu können. Dies ist nur mit einer an die spezifischen Bedürfnisse des Patienten angepassten Medizin möglich.

Soll der niedergelassene allgemeinmedizinische Bereich gestärkt werden und die individualisierte Patientenversorgung wohnortnahe optimiert werden? Auf ein deutliches zeitnahes Signal von Seiten der Politik, jenseits von leeren Versprechungen, warten viele derzeit noch tätige Allgemeinmediziner und weitere Mediziner, die sich fragen, ob sie diesen Beruf ergreifen sollten.

 

Dieses Schreiben wird von den folgenden Tiroler Ärztinnen und Ärzte unterstützt

AllgemeinmedizinerInnen: Dr. Bachler Herbert, Innsbruck; Dr. Linser Tobias, Mieming; Dr. Oberleit Stefan, Mieming; Dr. Oberleit Christiane, Mieming; Dr. Offer Georg, Mieming; Dr. Linser Johannes, Mieming; Dr. Mayer Christian, Nassereith; Dr. Pateter Birgit, Fließ; Dr. Gebhart Claudia, Arzl im Pitztal; Dr. Mair Ingrid, Landeck; Dr. Prem Artur, See im Paznauntal; Dr. Hueber Magdalena, Nauders; Dr. Öttl Simon, Nauders; Dr. Öttl Hans, Nauders; Dr. Geisler Hans, Imst; Dr. Eigl Hubert, Zams; Dr. Schöpf Gerhard, Imst; Dr. Albrecht Florian, Imst; Dr. Rettenwander Horst, Schönwies; Dr. Grissemann Barbara, Imst; Dr. Doblander Anna, Imst; Dr. Reisinger Stefan, Imst; Dr. Gusmerotti Sandro, Jerzens; Dr. Amon- Ladner Petra, Landeck; Dr. Larcher Michael, Imst; Dr. Strigl Maria, Mieming; Dr. Legat Maria, Tarrenz; Dr. Straninger Caroline, Pfunds; Dr. Maurer Manuel, Imst; Dr. Krehn, Ried im Oberinntal; Dr. Somavilla Kurt, Fulpmes; Dr. Somavilla Matthias, Fulpmes; Dr. Seewald Alexandra, Fulpmes; Dr. Danzl Cornelia, Fulpmes; Dr. Offer Clemens; Dr. Fischer Lisa, Sistrans; Dr. Margreiter Maria, Kundl; Dr. Winkler Oliva, Reith i. Alpachtal; Dr. Wildner Michael, Zirl; Dr. Braunhofer Caroline, Innsbruck; Dr. Oberwinkler Manfred, Jenbach; Dr. Schmid-Woertz Magdalena; Dr. Moser Gerhard, Telfs; Dr. Steiner Iris, Lermoos; Dr. Klein Benedikt, Seefeld; Dr. Baldauf Gabriele, Telfs; Dr. Neururer Theresia, Telfs; Dr. Baumann Manuela, Telfs; Dr. Ulmer Stefan, Telfs; Dr. Stimpfl Eva, Zirl; Dr. Zimmermann Max, Telfs; Dr. Wartelsteiner Eva, Telfs; Dr. Schuhfried Gerlinde, Telfs; Dr. Hafian Slobodanka, Igls; Dr. Linser Armin, Mieming (in Pension); Dr. Davies Kerstin, Prutz; Dr. Harald Paul, Igls; Dr. Doblinger Alfred, Oberperfuss; Dr. Plangger Philipp; Dr. Huber Benjamin, Pfunds; Dr. Stefan Robert, Fiss; Dr. Lutz Nicole, Imst

Niedergelassene FachärztInnen: Dr. Riedl- Huter Claudia, Radiologin Telfs; Dr. Schmut Axel, Psychiater, Telfs; Dr. Faschingbauer Ralph, Radiologe, Telfs; Dr. Luze Thomas, Orthopäde, Telfs; Dr. Draxl Hermann, Chirurg, Telfs; Dr. Felgel- Farnholz Christina, Chirurgin, Telfs; Dr. Hilkenmeier Christian, Kinderarzt, Telfs; Dr. Griessmair Gerhard, Internist, Telfs; Dr. Wiseman Andreas, Internist, Seefeld; Dr. Bongard Susanne, Kinder- und Jugendpsychiaterin, Mieming; Dr. Linser Elke, Allgemeinmedizinerin/Kinderärztin/Dermatologin in Ausbildung, Innsbruck

Konkrete Vorschläge und Forderungen:

  1. Umsetzung des Facharztes für Allgemeinmedizin
  2. Ausgleichszahlungen für niedergelassene Ärzte/innen zur Deckung der großen Umsatzeinbußen im Rahmen der COVID-19 Krise
  3. Überarbeitung/ Vereinfachung/ österreichweite Vereinheitlichung der Honorarordnung: Erste Schritte wären: Beibehaltung der Aufhebung der Limitierung der Position G (ausführliche therapeutische Aussprache), Beibehaltung der Möglichkeit der Abrechnung telefonisch erbrachter Leistungen, deutliche Aufwertung der Grundleistungen (1, 1a und der Visitenleistungen), Aufhebung der Limitierung der Position 1c und Aufhebung der Staffelung der Punktewerte
  4. Beibehaltung der Honorierung von Laborleistungen, realistische Tarife für Schnelltests der Akutparameter Trop T und Ddimer
  5. Dispensierrecht für die wichtigsten Medikamente (Abdeckung Akutbedarf für Visiten, bzw. Medikamentenausgabe im Bereitschaftsdienst)
  6. Steigerung der Attraktivität zur Nachbesetzung von Kassenstellen durch Reduktion der Dienstzeiten im Bereitschafts- und Wochenenddienst auf 07:00 bis 22:00 Uhr.
  7. Etablierung moderner, zeitgemäßer Leistungen wie der Sonographie (nach internationalem Vorbild) und entsprechende Honorierung nach zertifizierter Ausbildung (Notfallsonographie, Schilddrüsensonographie, Gefäßsonographie- Thromboseausschluss, orientierende Echokardiographie, Lungensonographie, Gelenksonographie Schulter und Knie, etc.)

 

 

 

 

 

 

14 Antworten auf „Gedanken eines Praktikers in Zeiten von Corona von Dr. Tobias Linser (Tirol)“

Wenn unter diesen jetzigen Bedingungen in den Kassenpraxen weiter gearbeitet werden muss, wird kein einziger Jungarzt eine Ordination aufmachen. Diese Honorare und diese völlig überzogene Gängelung, die auch ökonomisch sinnlos ist, da geht keiner der neuen Generation in die Selbständigkeit. Da sind wir Baby Boomer die letzten Mohikaner.

Ein toller Artikel, der mir aus der Seele spricht! Anzufügen wäre nur noch, dass wir Fortbildungspunkte erhalten müssen für die tägliche Weiterbildung bzgl. COVID-19, dem Vorgehen, Behandlung etc. Da werden wir alle viel Zeit investiert haben, neben der alltäglichen Arbeit.

Schöner Artikel
Er wird nix verändern
Wenn wir Hausärzte nicht die Keule herausholen und den Politikern u Funktionären zeigen wo es lang geht
Klatschen hilft und nix
Durch Streik zb
Dazu gehört aber Kollegialität -alle sind gefordert !!

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