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Berufspolitisches Corona-Update

„Dann kann es sein, dass es das war mit meiner Ordination.“

Ein Wahlarzt für Allgemeinmedizin aus Niederösterreich berichtet über die dramatischen Umsatzeinbrüche während der Coronakrise, die Bedrohung für den künftigen Fortbestand seiner Ordination und die massiven und die Schwächen der Förderungen im ärztlichen Bereich. Seinen Wunsch, das in anonymer Form machen zu können, haben wir respektiert.

 

Ich bin voll und ganz Wahlarzt für Allgemeinmedizin und betreibe eine große Ordination in Niederösterreich. Seit Beginn der Coronakrise habe ich einen Umsatzeinbruch von rund 65 Prozent, der sich noch nicht wirklich erholt. Wenn dieser Zustand noch mehrere Wochen bzw. 1-2 Monate anhält und auch „danach“ die Patientenzahlen sich nur schleppend erholen (Arbeitslosigkeit, Rezession,…) dann kann es sein, dass es das war mit meiner Ordination.

Da Ordinationen generell ja nicht geschlossen wurden (was gut ist so), wird in meinem Fall die Miete nicht reduziert (hier bin ich zwar in harten Verhandlungen, aber es sieht so aus). Bankkredite werden zwar gestundet, aber man zahlt auch hier wieder zusätzliche Gebühren und Zinsen. EDV Betreuungskosten, Lizenzen, Versicherungen, Heizung, Strom, etc. laufen weiter.

Die Kurzarbeit wird sicherlich ein wenig helfen, aber in meiner Wahlarztordination habe ich nur eine Assistentin, eine Putzfrau und eine geringfügige Kraft und trotz Antrag und Bewilligung ist hier noch kein Geld in Sicht. Abgesehen davon, dass die Kosten für Steuerberatung und Lohnverrechnung deutlich höher ausfallen.

Die Stundung der WWF Beiträge hilft natürlich nur, das Problem aufzuschieben. Hier wird dann erst ein Antrag auf Herabsetzung Erleichterung bringen können, dieser ist aber im Nachhinein zu stellen, d.h. im Herbst? Winter? Hier muss ich kritisch sagen, dass ich meine Beiträge bis März bezahlt habe, im April einen Stundungsantrag gestellt habe und in meinem Bescheid die Stundung nur bis Juli zugesagt wurde. Danach werden die vollen Beiträge auf einmal und sofort fällig. Das ist nicht sehr verständnisvoll und ich kann mir hier nur meine Gedanken machen …

Der akute Nettoeinkommensentgang wird in  meinem Fall durch den Härtefallfonds Phase 2 kaum abgefedert, da hier bei der Berechnung von meinen geringen Umsätzen, die nicht einmal die Fixkosten decken, ein fiktiver Gewinn auf Basis der Zahlen von 2018 herausgerechnet und bei der Förderung abgezogen wird. So habe ich in meinem Fall einmalig 607 Euro bekommen, von denen ich ein Monat leben soll. Profitiert hätte ich nur, wenn die Ordination ganz geschlossen gewesen wäre… Das ist fast makaber und ehrlich gesagt bin ich absolut enttäuscht.

In den Medien wird der Fonds absolut anders dargestellt!

Zusätzlich habe ich in dieser Gesamtsituation auch noch schulpfichtige Kinder rundum zu versorgen 🙂

Einen Überbrückungskredit will ich nicht aufnehmen, denn den Umsatz, den ich nicht gemacht habe, mache ich auch nicht mehr. Im Gegenteil, die Zahlen sind ja schlecht und werden auch noch länger nicht das Vorniveau erreichen. Da geht sich ein weiterer Kredit nicht aus.

Bleibt noch der Corona-Hilfsfond, der ja nun bald beantragbar ist. Dieser soll bei einem Umsatzausfall von bis zu 60 Prozent über den gesamten Zeitraum 25 Prozent Zuschuss von den Fixkosten bringen. Ich kann rechnen, habe gerechnet und muss auch hier anmerken, dass das nur eine sehr kleine Hilfe darstellt.

Es ist wirtschaftlich absolut notwendig, dass hier auch für uns „reine“ Wahlärzte eine gütliche Lösung gefunden wird, da auch ich – gerade im allgemeinmedizinischen Bereich – zur Sicherung der medizinischen Versorgung einen wichtigen Beitrag leiste.

Ich kann nur an die Ärztevertretung appellieren, hier an oberster Stelle zu urgieren und unsere Situation und die Schwächen der Förderungen im ärztlichen Bereich (keine Schließungen!) deutlich darzustellen – um am Ende hoffentlich eine merkliche Entlastung in dieser schwierigen Situation zu erreichen.

1 Anwort auf „„Dann kann es sein, dass es das war mit meiner Ordination.““

Ich bin 71 und erhalte eine Pension als ehemaliger Beamter und führe heute eine Wahlarztpraxis. Weil ich eine Pension erhalte, lehnt die WKÖ a priori eine Unterstützung ab. Weiters wird argumentiert, dass 2000.- zum Leben ausreichen …. damit kann ich nicht einmal die Miete der Ordination und schon gar nicht den Gehalt meines Personals bezahlen, auch sonstige Ausgaben bleiben offen. Und für die übrigen Kosten reicht die Pension nicht! In all den Corona-Wochen habe ich mit meiner Ordination Noffälle versorgt und Hausbesuche bei altersbedingten Risikofällen durchgeführt. Konsequenz, ich beende vorzeitig die Praxis auf und meine Assistenten wird gekündigt – ein paar Jahre vor ihrem Pensionsantritt, das bedauere ich am meisten!

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