Kategorien
Ärztemangel und Versorgung Berufspolitisches Corona-Update Politik und Institutionen

Corona-Zwischenbilanz in Wien

Niedergelassene ÄrztInnen, und im Besonderen jene unter ihnen, die beim Ärztefunkdienst mitgearbeitet haben, waren und sind in Wien in der Corona-Krise eine tragende Säule der Versorgung. Sie arbeiten erfolgreich an vorderster Front, unter schwierigen wirtschaftlichen und gesundheitlichen Bedingungen. Dieser Einsatz müsse von der Politik ausgeglichen werden, sagte Vizepräsident Johannes Steinhart heute bei einem Pressegespräch der Wiener Ärztekammer.

Ich nehme diese Pressekonferenz auch zum Anlass, diesen Kolleginnen und Kollegen, die im Rahmen des Ärztefunkdiensts oder in ihrer Ordination für die Patientinnen und Patienten da waren und so engagiert am Zurückdrängen des SARS-CoV-2 mitgewirkt haben, meinen herzlichen Dank auszusprechen. Sie haben Großartiges geleistet.

Es ist zum Beispiel alles andere als selbstverständlich, dass unter Corona-Bedingungen in Wien in etwa 90 Prozent der kassenärztlichen Ordinationen offengehalten haben – neben zahllosen Wahlarztordinationen. Schließlich machten sehr viele dieser Ordinationen in dieser Zeit trotz anhaltender Kosten wesentlich weniger Umsätze, weil die Patientinnen und Patienten aus Präventionsgründen Ordinationen nur in Notfällen aufsuchen sollten und die Tarifmodelle nicht auf Telemedizin ausgerichtet sind. Trotzdem standen diese Ärztinnen und Ärzte den Menschen, anfangs auch teilweise mit ungenügender Schutzausrüstung, zur Verfügung. Das verdient höchste Anerkennung. Danke dafür.

Aus heutiger Sicht kann man feststellen, dass die enormen gemeinsamen Anstrengungen sehr gut zum gewünschten Erfolg beigetragen haben.

Leistungen des Ärztefunkdienstes

Lassen Sie mich bitte beispielhaft zusammenfassen, welche Leistungen in diesem Zusammenhang von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Ärztefunkdienstes erbracht wurden:

Der Ärztefunkdienst führte seit dem 28. Februar ein sogenanntes Mobile Home Screening (MHSV) bei Menschen mit Corona-Verdacht zu Hause durch. Zwischen 28. Februar und 9. April wurden seitens des Ärztefunkdiensts insgesamt 9.431 Nasen- beziehungsweise Rachenabstriche durchgeführt – im 24-Stunden-Betrieb sieben Tage pro Woche. Pro 12-Stunden-Dienst konnten durchschnittlich 18 Abstriche durchgeführt werden. Dieses Erfolgsmodell wurde auch von anderen Bundesländern übernommen. Mit 1. April wurde dann die Durchführung eines Großteils dieser Abstriche den Wiener Blaulichtorganisationen unter Koordination des Wiener Roten Kreuzes übertragen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Ärztefunkdiensts führen seit 15. März in Abstimmung mit dem Wiener Krankenanstaltenverbund Pre-Triage beziehungsweise Erstversorgungsambulanzen an den Eingängen der Spitäler des Wiener Krankenanstaltenverbunds durch. Wer ein Spital aufsuchen wollte, wurde dort einer kurzen Visite unterzogen, um abzuklären, ob eine Spitalsbehandlung notwendig ist. Zudem wurden Spitalsbesucher auf SARS-CoV-2-Verdacht hin gescreent und Erstbehandlungen außerhalb der versorgungsrelevanten Spitalsinfrastruktur durchgeführt. Pro Tag sind insgesamt 25 Arzt/Studenten-Teams im Zuge der Pre-Triage beziehungsweise Erstversorgungsambulanzen im Einsatz.

An Covid-19 erkrankte Menschen in häuslicher Pflege werden seit März 2020 durch die MA 15 mittels Fragebogen über ihren aktuellen Gesundheitszustand befragt. Hat sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert, werden sie seit dem 30. März von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Ärztefunkdiensts telemedizinisch per Telefon- beziehungsweise Videokonsultation kontaktiert und beraten. Bei Bedarf wird eine Visite durch den Ärztefunkdienst beziehungsweise ein Einsatz der Berufsrettung eingeleitet.

Außerdem wurden Patientinnen und Patienten aufgefordert, Ordinationen nur im Akutfall aufzusuchen, und das erst nach telefonischer Rücksprache. Bei Corona-Verdacht sollten sie nicht zum Hausarzt gehen, sondern 1450 anrufen. Nicht-Akutpatienten konnten sich mit ihrem Arzt per Telefon oder Video austauschen, Rezepte wurden elektronisch ausgestellt und den Apotheken übermittelt. Damit sollten nicht nur Patientinnen und Patienten geschützt, sondern auch Infektionen von Ärztinnen und Ärzten als Schlüsselversorger vermieden werden.

Positive Zwischenbilanz

Die Zwischenbilanz, die wir heute ziehen können, ist eine positive, die gesetzten Ziele wurden erreicht. Gerade angesichts des Wiener Großstadtfaktors und den damit einhergehenden wesentlich höheren Risikofaktoren, verglichen mit den anderen Landesteilen Österreichs, steht Wien heute sehr gut da. Wien gilt hier auch im internationalen Vergleich als vorbildlich.

Hervorzuheben ist die sehr gute Zusammenarbeit mit der Stadt Wien und den beteiligten Magistratsabteilungen, dem Wiener Krankenanstaltenverbund, dem Wiener Gesundheitsverbund, dem Fonds Soziales Wien, der Gesundheitshotline 1450, den Labors, den Einsatzorganisationen et cetera. Das ist in einer so herausfordernden und komplexen Situation nicht selbstverständlich.

Generelles Hochfahren der Ordinationen

Inzwischen haben wir ein generelles Hochfahren der Ordinationen empfohlen, damit nach einer Periode der Behandlung von ausschließlichen Notfällen die gewohnte Versorgung aller Patientinnen und Patienten wieder sichergestellt wird. Dabei geht es zum Beispiel um Routine-, Kontroll-, Vorsorge- und Nachsorgeuntersuchungen sowie Impfungen.

Wir ersuchen auch alle Wienerinnen und Wiener dringend, die Ordinationen der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, wie auch vor Corona üblich, aufzusuchen. Es besteht die enorme Gefahr, dass durch verschleppte Arztbesuche Erkrankungen übersehen oder viel zu spät erkannt werden.

Allerdings müssen die Patientinnen und Patienten dabei Sicherheitsregeln einhalten: Sie sollten weiterhin vorher telefonischen Kontakt mit der Ordination aufnehmen und die vereinbarten Termine pünktlich einhalten. In der Ordination müssen Masken getragen und zumindest ein Meter Abstand zu anderen Personen eingehalten werden.

Jetzt gilt es, durch Appelle an die Verantwortung der Bürgerinnen und Bürger beziehungsweise Patientinnen und Patienten die erreichten Erfolge zu halten. Und nachdem die hohe Bedeutung des niedergelassenen ärztlichen Bereichs in der Corona-Krise einmal mehr deutlich geworden ist, muss es ein wichtiges gesundheitspolitisches Ziel sein, die niedergelassene Versorgung für mögliche weitere Wellen von Corona abzusichern.

Politik muss ausgleichend eingreifen.

Es muss klar sein, dass Kolleginnen und Kollegen nicht dafür büßen dürfen, dass sie unter persönlichem Risiko ihre Ordinationen offenhalten mussten, am Ende des Tages dann aber dafür sogar zahlen müssen, weil sie weniger Einnahmen hatten und zum Teil auf ihr privates Vermögen zurückgreifen mussten, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Hier fordern wir von der Politik, dass letztendlich die Republik ausgleichend eingreifen muss, sofern die Sozialversicherungen das nicht machen können. Denn alle erhalten Zuschüsse in Millionenhöhe, für alle gibt es Pakete: für die Gastronomie, für den Handel, die Friseure, die persönlichen Dienstleister. Das ist gut so, es muss aber auch für Ärztinnen und Ärzte gelten.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.